07.09.2026

Interview zum Welttag der Suizidprävention

Wenn die Verzweiflung zu groß wird

Bei Menschen in tiefen seelischen Krisen können Suizidgedanken entstehen. Für Angehörige und Freunde ist es dann oft schwer einzuschätzen, wie sie damit umgehen und helfen können. Julia Diederich, Stationsleitung in der Akutpsychiatrie des St. Elisabeth Lahnstein, spricht im Interview über Suizidprävention und darüber, wie Menschen in schweren seelischen Krisen unterstützt werden können.

Julia Diederich ist seit 2024 Stationsleiterin auf der akut geschützten Station im St. Elisabeth Lahnstein.
Julia Diederich ist seit 2024 Stationsleitung auf der akut geschützten Station im St. Elisabeth Lahnstein.

Sie erklärt, welche Verhaltensänderungen aufmerksam machen sollten, warum die direkte Frage nach Suizidgedanken wichtig ist und was Angehörige und Freunde konkret tun können. Die zentrale Botschaft: In einer akuten Krise muss nicht sofort eine Lösung für alles gefunden werden. Wichtiger ist es, einfach da zu sein, zuzuhören und dafür zu sorgen, dass ein Mensch mit seiner Verzweiflung nicht alleine bleibt.

Was bedeutet Suizidprävention eigentlich und warum ist sie so wichtig?

Suizidprävention bedeutet zunächst einmal, Menschen in einer schweren seelischen Krise nicht alleine zu lassen und sie zu unterstützen. Wenn jemand darüber nachdenkt, sich das Leben zu nehmen, steckt dahinter häufig eine enorme Verzweiflung und das Gefühl, keinen anderen Ausweg mehr zu sehen. Suizidprävention versucht, genau dort anzusetzen. Wir hören zu, nehmen die Person ernst und versuchen gemeinsam herauszufinden, was gerade so unerträglich ist. Wir bieten Hilfe und Unterstützung an. Es geht also nicht nur darum, einen Suizid zu verhindern. Es geht auch darum, Hoffnung und Handlungsmöglichkeiten zurückzugewinnen.

Woran können Angehörige oder Freunde erkennen, dass ein Mensch möglicherweise suizidgefährdet ist?

Das ist gar nicht immer leicht zu erkennen. Es gibt nicht das eine eindeutige Zeichen. Häufig sind es Veränderungen im Verhalten oder im Wesen eines Menschen, die aufmerksam machen sollten. Zum Beispiel, wenn sich jemand plötzlich stark zurückzieht, kaum noch Kontakt möchte, hoffnungslos oder ungewöhnlich verzweifelt wirkt. Auch Aussagen wie „Ich kann nicht mehr“, „Es hat alles keinen Sinn“ oder „Ohne mich wäre es für alle besser“ sollte man ernst nehmen. Manchmal passiert aber auch das Gegenteil. Ein Mensch wirkt plötzlich sehr ruhig oder erleichtert, nachdem er vorher sehr verzweifelt war. Auch eine auffällige Beschäftigung mit dem Tod oder das Verschenken wichtiger persönlicher Dinge können Hinweise sein. Wichtig ist dabei: keines dieser Anzeichen bedeutet automatisch, dass ein Mensch suizidgefährdet ist. Entscheidend ist, Veränderungen wahrzunehmen und sie nicht einfach zu übergehen.

Wie sollte man reagieren, wenn jemand sagt: „Ich möchte nicht mehr leben“?

Das Wichtigste ist zunächst, den Kontakt zu suchen. Man kann ganz direkt und trotzdem einfühlsam fragen: „Ich mache mir Sorgen um dich. Hast du manchmal Gedanken, nicht mehr leben zu wollen?“ Viele Menschen haben Angst, dass sie durch diese Frage Suizidgedanken erst auslösen. Es zeigt aber nur, dass man für diesen Menschen da ist und ihn ernst nimmt. Man muss dabei auch nicht sofort eine Lösung haben. Zuhören und da sein ist bereits sehr viel.

Das Wichtigste ist, da zu sein und den Kontakt nicht abbrechen lassen.
Julia Diederich

Darf man einen Menschen direkt nach Suizidgedanken fragen?

Es ist wichtig über Suizidgedanken zu sprechen, weil Schweigen einen Menschen noch einsamer machen kann. Viele Menschen haben Angst, das Thema anzusprechen. Sie denken vielleicht: „Wenn ich danach frage, bringe ich die Person erst auf die Idee.“ Das ist so nicht richtig. Eine ruhige, offene Frage kann vielmehr eine große Entlastung sein. Die Frage könnte lauten „Du wirkst gerade sehr verzweifelt. Hast du manchmal Gedanken, nicht mehr leben zu wollen?“ Damit sagt man eigentlich: Ich sehe, dass es dir schlecht geht. Du darfst mit mir darüber reden.

Was kann jeder von uns tun, um einem Menschen in einer solchen Krise zu helfen?

Das Wichtigste ist, da zu sein und den Kontakt nicht abbrechen lassen. Man muss keine perfekten Worte finden und auch nicht sofort eine Lösung anbieten. Oft ist es viel hilfreicher, ruhig zuzuhören und dem Menschen zu vermitteln: „Ich sehe, dass es dir gerade sehr schlecht geht. Du musst damit nicht alleine bleiben.“ Man kann auch ganz konkret fragen: „Was würde dir gerade helfen?“ oder „Was kann ich tun, damit du heute nicht alleine damit bist?“ Allein das Gefühl, dass jemand bleibt und sich wirklich interessiert, kann in einer solchen Situation sehr wertvoll sein.

Was möchten Sie einem Menschen sagen, der gerade selbst keinen Ausweg mehr sieht?

Wenn man in einer solchen Krise steckt, kann es sich tatsächlich so anfühlen, als gäbe es keinen anderen Weg mehr. Vielleicht ist die Verzweiflung gerade so groß, dass Sie sich ein Leben ohne diesen Schmerz überhaupt nicht mehr vorstellen können. Aber auch wenn es sich im Moment so anfühlt, Sie müssen heute nicht Ihr ganzes Leben lösen. Versuchen Sie, nur den nächsten Schritt zu schaffen. Den nächsten Moment. Die nächste Stunde. Und bitte bleiben Sie mit diesen Gedanken nicht alleine. Sprechen Sie mit jemandem darüber, mit einem Menschen, dem Sie vertrauen, mit einer Ärztin oder einem Arzt, einer Therapeutin oder einem Therapeuten oder einer anderen professionellen Anlaufstelle. Sie müssen Ihre Verzweiflung nicht erst erklären oder rechtfertigen, bevor Sie Hilfe verdient haben. Vielleicht können Sie im Moment selbst keine Hoffnung spüren. Das ist in einer schweren Krise möglich. Dann reicht es zunächst, wenn jemand anderes ein Stück Hoffnung für Sie mitträgt. Ich würde Ihnen vor allem sagen: Bitte treffen Sie in einem Moment größter Verzweiflung keine endgültige Entscheidung. Lassen Sie uns zunächst dafür sorgen, dass dieser Moment vorübergeht. Danach können wir gemeinsam nach einem Weg suchen.