04.03.2026
Teamleiter Hubertus Miesen über die besonderen Stärken der Ergotherapie
Stabilität und Teilhabe fördern
Hubertus Miesen übernimmt seit Kurzem die Teamleitung der Ergotherapie bei den Barmherzigen Brüdern Saffig und im St. Elisabeth Lahnstein. Der staatlich anerkannte Ergotherapeut blickt auf langjährige Erfahrung im psychiatrischen Bereich zurück und möchte die beiden Standorte zukünftig enger miteinander vernetzen. Im Interview berichtet er uns von seinem beruflichen Werdegang und den ergotherapeutischen Leistungen in Saffig und Lahnstein. Außerdem teilt er seine Vision für die Zukunft und erklärt, warum die Ergotherapie so gut für die Prävention und Bewältigung von psychischen Krisen geeignet ist.

Wie sind Sie zur Ergotherapie gekommen? Beschreiben Sie kurz ihren beruflichen Werdegang.
Zur Ergotherapie bin ich über einen eher praxisnahen Weg gekommen. Nach der Schulzeit habe ich zunächst eine handwerkliche Ausbildung abgeschlossen. Als Zivildienstleistender kam ich dann erstmals intensiv mit ergotherapeutischer Arbeit in Berührung. Schon damals hat mich beeindruckt wie durch gezielte Förderung Selbstständigkeit, Entwicklung und Lebensqualität gefördert werden können. Nach einigen Jahren im Familienbetrieb blieb der Wunsch, beruflich stärker mit Menschen zu arbeiten und sie in ihrer Entwicklung zu begleiten. Daher habe ich mich für die Ausbildung zum Ergotherapeuten entschieden, die ich 1999 erfolgreich abgeschlossen habe. Seit 2000 bin ich im St. Elisabeth Lahnstein tätig und bin heute als Teamleitung Erotherapie für die Standorte St. Elisabeth Lahnstein und die Barmherzigen Brüder Saffig verantwortlich.
Welche ergotherapeutischen Leistungen werden im St.
Elisabeth Lahnstein und bei den Barmherzigen Brüdern Saffig schwerpunktmäßig
angeboten?
An beiden Standorten ist Ergotherapie ein zentraler
Bestandteil der Behandlung. Sie zielt mit ihren Angeboten immer darauf ab,
Menschen wieder zu mehr Handlungsfähigkeit, Selbstständigkeit und
Lebensqualität im Alltag zu verhelfen. Es kommen kreativ- und
handlungsorientierte Verfahren zum Einsatz, die Ausdrucksfähigkeit,
Konzentration, Motivation,
Ausdauer und emotionale Stabilisierung fördern. Auch Strategien zur Stress- und Emotionsbewältigung
sind fester Bestandteil der therapeutischen Arbeit. Zudem werden soziale
Kompetenzen gezielt gefördert
und Kommunikationsfähigkeit, Konfliktverhalten, Abgrenzung und Interaktion trainiert,
um die soziale Teilhabe nachhaltig zu verbessern. Ein weiterer Schwerpunkt
liegt im Training
kognitiver Fähigkeiten, insbesondere zur Förderung von Konzentration, Gedächtnis,
Planungsfähigkeit und Problemlösekompetenz.
Insgesamt steht an beiden Standorten eine ressourcenorientierte, alltagsnahe
und teilhabeorientierte Ergotherapie im Mittelpunkt - also das Stärken
vorhandener Ressourcen, die Förderung
von Eigenständigkeit sowie die Unterstützung bei der Bewältigung
krankheitsbedingter Einschränkungen im Alltag.

Was reizt Sie besonders an Ihrer Rolle als Teamleiter? Mit welchen Aufgaben und Herausforderungen haben Sie in Ihrem Arbeitsalltag zu tun?
Besonders reizt mich, dass ich nicht nur fachlich arbeiten, sondern auch aktiv gestalten kann. Ich finde es spannend, Prozesse weiterzuentwickeln und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Mitarbeitende ihr Potenzial entfalten können. Im Alltag gehören für mich organisatorische Aufgaben wie Dienstplanung, Materialbeschaffung und effiziente Ressourcennutzung genauso dazu wie die fachliche Begleitung des Teams. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Kommunikation – sei es in Mitarbeitergesprächen, bei Konflikten oder im interdisziplinären Austausch. Eine Herausforderung ist sicherlich, unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen im Team auszubalancieren und gleichzeitig wirtschaftliche oder strukturelle Vorgaben im Blick zu behalten. Dabei versuche ich offen zu kommunizieren und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen.
Wie möchten Sie den Bereich der Ergotherapie zukünftig weiterentwickeln, gerade im Hinblick auf die Vernetzung der Einrichtungen in Saffig und Lahnstein? Wo sehen Sie Synergien?
Mir ist vor allem eine stärkere standortübergreifende Vernetzung wichtig – sowohl fachlich als auch organisatorisch. Ein Ansatz wäre, gemeinsame therapeutische Standards und Konzepte zu etablieren, um Behandlungsprozesse transparent und vergleichbar zu gestalten. Auch sollten die jeweiligen Stärken der Standorte bewusst genutzt werden. Durch regelmäßige gemeinsame Besprechungen und interne Fortbildungen kann die therapeutische Qualität nachhaltig gesichert und gleichzeitig Raum für Weiterentwicklung und Innovation geschaffen werden. Der kontinuierliche Dialog fördert nicht nur ein gemeinsames fachliches Verständnis, sondern stärkt auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Teams. Zudem spielt die digitale Vernetzung eine zentrale Rolle. Einheitliche Dokumentationsstandards und digitale Austauschformate schaffen Transparenz und erleichtern die Kommunikation zwischen den Standorten.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die besonderen Stärken der
Ergotherapie im Hinblick auf die Prävention und Behandlung von psychiatrischen
Krisen?
Die Stärken der
Ergotherapie liegen in der unmittelbaren Handlungsorientierung und im
alltagsnahen Zugang zu den Patientinnen und Patienten – gerade in
psychiatrischen Krisen ist das ein entscheidender Faktor. In akuten Phasen
bietet Ergotherapie zunächst Stabilisierung durch Struktur. Ein klarer
Tagesablauf, überschaubare Aufgaben und sinnstiftende Tätigkeiten vermitteln
Halt, Orientierung und Sicherheit. Das kann helfen, Überforderung zu reduzieren
und wieder ein Gefühl von Kontrolle zu entwickeln. Ein weiterer wichtiger
Aspekt ist die Förderung von Selbstwirksamkeit. In Krisensituationen erleben
viele Betroffene einen starken Verlust an Kontrolle und Vertrauen in die
eigenen Fähigkeiten. Durch konkrete, bewältigbare Handlungen erfahren sie
unmittelbar: „Ich kann etwas tun – und es gelingt mir.“ Das fördert
Selbstvertrauen und unterstützt die emotionale Stabilisierung.
Präventiv wirkt Ergotherapie vor allem durch das Training von Bewältigungsstrategien im Alltag. Dazu gehören Stressmanagement, Emotionsregulation, Strukturierungsfähigkeiten sowie der Aufbau sozialer Kompetenzen. Frühzeitiges Erkennen von Überlastungssignalen und das Einüben individueller Krisenstrategien tragen dazu bei, Rückfälle zu vermeiden oder abzumildern. Schließlich nimmt die Erotherapie eine ganzheitliche Perspektive ein und betrachtet nicht nur Symptome, sondern die gesamte Lebenssituation – Wohnen, Arbeit, soziale Kontakte, Freizeit. Gerade hier entstehen häufig Belastungen, die Krisen auslösen oder verstärken.
Ausgleich, Struktur und Klarheit
Wie schaffen Sie sich in Ihrer Freizeit einen Ausgleich vom stressigen Arbeitsalltag?
In meiner Freizeit finde ich meinen Ausgleich vor allem in ganz praktischen und bodenständigen Dingen. So verbringe ich viel Zeit mit unserem Hund, was für mich eine gute Möglichkeit ist, abzuschalten und gleichzeitig in Bewegung zu bleiben. Musik spielt ebenfalls eine große Rolle – sie hilft mir, den Kopf frei zu bekommen und neue Energie zu tanken. Außerdem arbeite ich gerne im Garten oder beschäftige mich mit Renovierungsprojekten an Haus und Hof. Das Handwerkliche begleitet mich ja schon seit meiner ersten Ausbildung und ich schätze es bis heute, etwas mit den eigenen Händen zu gestalten und am Ende ein sichtbares Ergebnis zu haben.
Das darf auf meinem Schreibtisch nicht fehlen:
- Ein strukturierter Kalender - Überblick ist alles, besonders bei zwei Standorten.
- Notizbuch für spontane Gedanken - weil Ideen einen Platz brauchen.
- Ein Stift, der wirklich gut schreibt - klingt banal, macht aber im Alltag erstaunlich viel aus.
Und was auf meinem Schreibtisch auch nicht fehlen darf, ist Struktur, Klarheit, Ruhe und der Blick fürs Wesentliche - alles andere ist austauschbar.


