16.10.2025
Zur Woche der Seelischen Gesundheit haben wir mit Stephani Albert, leitende Psychologin in der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie St. Elisabeth Lahnstein, gesprochen. Im Interview verrät Sie, welche Methoden zum Abbau von Ängsten beitragen, welche Chancen und Risiken soziale Medien in diesem Kontext bieten und worauf Angehörige beim Umgang mit Betroffenen achten sollten.

Was würden Sie Menschen raten,
die unter Ängsten leiden?
Angst kann viele Formen annehmen, von Panikattacken, sozialen
Ängsten und Phobien bis hin zu diffusen Sorgen, Versagens- oder Zukunftsängsten. Es gibt daher nicht den einen
Weg aus der Angst, aber grundlegende Strategien, die den Umgang erleichtern.
So kann ein Angsttagebuch dabei helfen, Muster im Auftreten von Ängsten,
begleitenden Gedanken und der eigenen Reaktion zu erkennen. Im
zweiten Schritt kann es helfen, die angstauslösenden Gedanken kritisch zu
hinterfragen und zu relativieren.
Auch Entspannungsverfahren wie die Progressive
Muskelentspannung (PMR), Atemübungen, Achtsamkeit und Meditation sind
hilfreiche Methoden. Achtsamkeit hilft, sich im Hier und Jetzt zu verankern und das
Bewusstsein für seine Gefühle und Gedanken zu schärfen. Bewegung und Sport bauen darüber hinaus Stresshormone ab und stärken die Resilienz.
Der wichtigste Aspekt ist jedoch die schrittweise Konfrontation mit den
Ängsten, da Vermeidung diese langfristig verstärkt. Betroffene sollten zudem nicht zögern, professionelle Hilfe in Anspruch zu
nehmen: Die Wirksamkeit der Kognitiven Verhaltenstherapie ist wissenschaftlich
sehr gut belegt.
Wie nehmen Sie die aktuelle Entwicklung bei
jungen Menschen wahr? Welche Rolle spielt dabei Ihrer
Meinung nach Social Media?
Der Einfluss von Social Media ist vielschichtig. Positiv sehe ich die
Möglichkeiten zur Vernetzung, das Gefühl von Zugehörigkeit, der leichte
Informationszugang und die Förderung von Diversität. Zudem bieten sie jungen Menschen die
Möglichkeit, sich zu erproben und dadurch ihr Selbstbild zu entwickeln bzw.
auszudifferenzieren. Negativ zu bewerten sind hingegen die Risiken von Reizüberflutung,
der Schwächung sozialer Kompetenz in realen Interaktionen und die Entstehung
von Selbstzweifeln durch stetige Vergleiche mit anderen. Weiterhin bestehen die Gefahren einer
Schwächung der Impulskontrolle bis hin zum Cybermobbing sowie von übermäßigem
Medienkonsum und Abhängigkeit.
Wie können Angehörige, Freunde
und die Gesellschaft insgesamt Menschen mit psychischen Erkrankungen
unterstützen?
Die Entstigmatisierung
psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft und beim Einzelnen ist ein
wichtiger Beitrag, wobei hier sicher noch Entwicklungsbedarf besteht. Angehörige und Freunde können
insbesondere durch Offenheit,
Verständnis, Zuhören, Motivation oder Hilfestellungen bei der
Alltagsstrukturierung unterstützen. Bei Unsicherheiten sollten sie ihr Wissen über die jeweilige Erkrankung erweitern, wozu es inzwischen
leicht zugängliche Informationsquellen gibt. Ein Angehörigengespräch kann zu diesem Zweck
hilfreich sein, sofern Betroffene bereits in psychotherapeutischer Behandlung
sind.
Die Fachklinik St. Elisabeth Lahnstein behandelt das gesamte Spektrum psychischer Erkrankungen sowohl voll- als auch teilstationär. Die Behandlung umfasst eine Kombination aus evidenzbasierten pharmakotherapeutischen Ansätzen, Einzel- und Gruppen-Psychotherapie und psychosozialen Hilfen. Hinzu kommen flankierende therapeutische Angebote wie Ergo- und Bewegungstherapie. Die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) richtet sich an Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen.
Hintergrund: Die Woche der Seelischen Gesundheit möchte auf die unterschiedlichen Strategien zur Bewältigung und auf das vielfältige psychosoziale Hilfsangebot in Deutschland aufmerksam machen sowie zum gemeinsamen Austausch und gegenseitiger Unterstützung aufrufen. Die Aktionswoche findet vom 10. – 20. Oktober in ganz Deutschland statt.
